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Jeremiah David Morelli, 2003

 

Das Puppenhaus

 

 

Susanne setzte sich in ihrem Bett auf. Sie war eben erst aufgewacht, doch ihre Gedanken liefen bereits schnell. Ein eigenartiges Gefühl hatte sie ergriffen und sie sah sich rasch um.

Die Schatten des Betts waren wie eine seltsame Relieflandschaft, die im dunklen Zimmer kaum auszumachen war. Ihr Bett war komplett aus Holz und mit groben Mustern, deren Konterfei eigenartige Zickzacklinien auf dem faltigen Teppich abgab, verziert. Ihr Kopfkissen lag auf dem Fußboden neben ihrer Puppe Lucy. Die aufgemalten Augen schienen sich für den Bruchteil einer Sekunde bewegt zu haben. Da war ein rasches Zucken unter dem strohblonden, goldenen Haar gewesen. Konnte das sein?

Susanne richtete ihren Blick auf das Fenster ihres Zimmers. Vor ihrem Haus lagen ein Paar Stiefel und ein Regenschirm, die jemand dort vergessen hatte. Beide Gegenstände waren feucht und schimmerten im schwachen Licht. Vermutlich hatte es geregnet.

Wem die Sachen wohl gehören mochten?

Susanne wandte sich wieder vom Fenster ab und starrte noch einmal verunsichert auf Lucy herab. Die Puppe lag steif da, ein Arm unter ihrem Rücken in einer unnatürlichen, leicht verkrümmten Haltung.

Lucy war eigentlich keine schöne Figur, aber Susanne liebte sie dennoch über alles. Es war ihr liebstes Spielzeug und sie hatte bereits so manch unterhaltsame Stunde mit ihr verbracht. Momentan beäugte Susanne sie jedoch mit einem Anflug von Furcht.

Sie hätte schwören können, dass sich die Augen bewegt hatten. Jede Logik sprach dagegen, aber der Gedanke war nicht mehr abzuschütteln.

Susanne zwang sich ihren Blick von dem leblosen Geschöpf zu nehmen. Sie schlug ihre Decke zurück, schwang sich mit einer eleganten Bewegung aus dem Bett und schlüpfte in ihre Hausschuhe. Sie fror einwenig. Ihr Pyjama war dünn und nicht wirklich für so kalte Nächte geeignet. Susanne trug ihn sowieso nur, weil er so überaus hübsch war. Weiße Spitzen waren sowohl an die Ärmel-, als auch an den Halsausschnitt genäht worden und auf der Vorderseite trug der helle Stoff kleine rote Herzchen.

Sie strich über ihren linken Ärmel, spreizte dann die Finger ihrer rechten Hand und hielt sie vor ihr Gesicht. Es kam ihr so vor, als hätte sie ihren Körper seit einer Ewigkeit nicht mehr bewegt. Ihre Haut lief rot an und kribbelte. Sie ging zur Tür und griff nach der Klinke, bevor sie aber in den nächsten Raum trat, sah sie noch einmal über ihre Schulter zurück.

   Lucy lag nicht mehr auf einem Arm. Ihre linke Hand war auf einmal über ihrem Bauch und Susanne zuckte bei dem Anblick erschrocken zusammen.

„Was...?“, flüsterte sie und atmete dann tief ein. Sie schüttelte ihr Haupt.

„Das kann nicht sein.“, murmelte sie.

Eiligst verließ sie ihr Schlafzimmer. Im Erdgeschoß konnte sie leise Geräusche vernehmen. Ein Rascheln, wie von zerknittertem Papier.

Susannes Papa saß in der Küche, vor ihm eine Tasse Tee und auf seinem Schoß die Morgenzeitung. Er las bereits den Sportteil.

„Schon wach?“, fragte er. Es war mehr eine Feststellung, als eine Frage, aber Susanne nickte trotzdem.

„Ich konnte nicht mehr schlafen.“

„So?“

„Irgendetwas ist mit Lucy. Sie hat sich bewegt.“

Papa legte seine Zeitung weg und runzelte seine Stirn. Einen Moment lang schien er über Susannes Worte nachzudenken, dann lächelte er zaghaft. „Lucy kann sich nicht bewegen.“, sagte er beruhigend. „Sie ist aus Holz.“

Seine Tochter verzog ihr Gesicht zu einer Grimasse. „Denkst du, ich weiß das nicht? Ich bin doch nicht blöd. Lucy hat sich aber bewegt. Ich bin mir ganz sicher.“

„Vielleicht war es der Wind.“

„Mein Fenster ist zu.“

„Nun, dann weiß ich auch nicht weiter.“ Papa nahm seine Zeitung wieder auf und begann, zu Susannes Enttäuschung, weiter zu lesen.

„Sie hat sich wirklich bewegt.“, sagte Susanne beleidigt und drehte sich um.

Sie wollte gerade wieder die Küche verlassen, als draußen das Licht anging.

„Ach du Schreck!“, rief Papa und auch Susanne wurde bleich. Ihre Haut spannte sich schmerzhaft und ein Stoß jagte plötzlich durch ihren gesamten Körper. Sie röchelte noch einmal und wollte nach ihrem Hals greifen, aber es war schon zu spät. Sie fiel polternd um und blieb steif auf dem Boden liegen.

Karin setzte sich im Schneidersitz auf den Teppich vor ihrem Bett. Sie warf ihre Gummistiefel davon und griff gleichzeitig nach der Vorderseite des Puppenhauses. Die dünne Holzwand ließ sich einwandfrei öffnen. Sie pfiff ein fröhliches Liedchen, während sie nach Susanne griff und sie leicht verwirrt aufhob. Karin zog das Spitzenhemdchen zurecht und fuhr mit einem winzigen Kamm durch die Plastiklocken.

„Wie kommst du denn in die Küche?“, fragte das Mädchen und legte Susanne zurück in das Holzbett. „Puppen können sich doch gar nicht bewegen...“.

 

Ende