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Jeremiah David Morelli

 

Das Mädchen Mit Dem Frühling In Den Augen

 

frei nach dem Lied "The Girl with April in her Eyes" von Chris de Burgh

 

 

Ein Festbankett, bestückt nur mit den feinsten aller Speisen, zierte die Mitte des weitläufigen Prunksaals. Gaukler vollführten Kunststücke auf einer extra dafür errichteten Bühne.

Während vor den Toren des Schlosses dicke Schneeflocken wie flauschige Federn vom Himmel fielen und die Erde unter eine kalte, weiße Decke hüllten, war des Königs Fest in vollem Gange.

„Der Winter ist so trist und langweilig.“, hatte dieser verkündet. „Lasst uns daher feiern, um die Kälte der Jahreszeit zu vergessen!“

In den Dörfern außerhalb seines Palasts erfroren und verhungerten die Menschen, doch das war ihm gleichgültig. Was ging ihr Schicksal ihn, den Auserwählten Gottes, an? Eine Fügung des Himmels hatte ihn auf den Thron gesetzt, also konnte seine Herrschaft doch nicht schlecht sein. Und überhaupt, war es nicht die Schuld des Proletariats, dass so viele von ihnen am Hungertuch zu nagen hatten? Waren nicht sie es, die die Felder bestellten und zu schwach waren, um eine anständige Ernte einzubringen? Er nahm sich von ihnen nur seinen rechtmäßigen Anteil. Sie waren die Sünder, die ihrem Herrn nur Schande statt Freude bescherten. Sie waren es, nicht er!

Der König lachte, verscheuchte mit einer beiläufigen Geste all die trübseligen Gedanken und wandte seine Aufmerksamkeit wieder den Schaustellern zu, die unentwegt Späße trieben. Die Damen in ihren langen Kleidern lachten ebenfalls, tranken Wein und aßen Fleisch, und dachten ebenso wenig an das wahre Leben, das mehr oder minder unbemerkt an ihnen vorbeizog. Was draußen geschah war so unattraktiv, dass sie auch nicht hingesehen hätten, wenn sie in ihrer kranken Dekadenz nicht sowieso bereits geblendet gewesen wären.

   Schneeflocken und Wind.

Jede einzelne Flocke war wie ein Mensch, unwichtig als Individuum, aber schwer und kalt als Teil eines Ganzen. Der Wind trieb sie willkürlich zusammen oder auseinander. Jede war nur auf das eigene Überleben bedacht.

Der König und seine Gefolgschaft feierten unbeirrt weiter und sie bemerkten daher natürlich auch nicht, wie eine Schneeflocke, die größer und heller war als alle anderen, zu Boden glitt.

Ein Bote vom großen Tor eilte plötzlich herbei und der König bedachte ihn mit einem verärgerten Blick, ehe er das Spiel der Gaukler unterbrach.

„Eure Hoheit.“, sprach der Bote und verbeugte sich tief. „Ein Mädchen steht vor dem Schlosstor und bittet um Einlass. Sie sagt, sie sucht nur einen warmen Platz für die Nacht.“

„Ein Mädchen?“, der König hob skeptisch eine Augenbraue.

„Ja, Herr.“, bestätigte der Bote.

„Etwa von hohem Stand?“

„Nein, Herr. Sie sieht aus wie eine Zigeunerin. Ihr Kleid ist dünn und besteht aus Lumpen. Sie steht barfuss im Schnee.“

„Keine Schuhe?“, wiederholte der König und lachte plötzlich laut auf. Auch seine Untertanen im Saal stimmten nach kurzem Zögern in das Gelächter ein, nur der Bote schwieg verwirrt.

„Sie muss Sohlen haben, wie ein Huftier.“, kicherte eine Dame zur Rechten des Königs und dieser konnte ihr nur zustimmen.

„Wahrlich!“, meinte er. „Es muss ein eigenartiges Geschöpf sein, das den weiten und steilen Weg zum Schloss läuft, wo doch bereits am Fuße des Hügels eine Hütte steht. Richtet dem Geschöpf meinen Respekt aus, und…“, er lachte erneut. „…sagt ihr, dass es in der Nähe eine Höhle gibt, die zwar nicht beheizt-, für solch ein Wesen jedoch allemal warm genug sein dürfte.“

Abermals lachten alle im Saal spöttisch auf, und mit einer herrischen Bewegung scheuchte der König den Boten davon.

„Lassen wir uns nicht von solch einem Balg die Laune verderben!“, verkündete der Herrscher, erhob sich schwerfällig und füllte seinen Becher mit Wein. „Lasset uns weiterfeiern, bis der Frühling den Schnee verschwinden lässt!“

Wie immer stimmten ihm alle zu und die Orgie ging weiter, während das Mädchen von den Soldaten des Schlosses davongejagt wurde.

Zitternd und bereits mit blauen, blassen Lippen stapfte sie den Hang hinab durch den Tiefschnee. Ihre zarten Füße hinterließen dunkle Spuren. Der Wind blies durch ihr Haar. Eis setzte sich an ihren Wimpern fest, doch sie gab nicht auf. Mit letzter Kraft wanderte sie weiter und die letzten Sonnenstrahlen sanken hinter den Horizont.

Die Nacht brach über das Land herein und sie sah noch einmal bangen Blickes zurück zu jenem Hügel in der Ferne, wo der König unbekümmert feierte. Eine Träne rann über ihre rechte Wange, doch sie zwang sich tapfer weiterzulaufen, einem verworrenen Licht irgendwo in der Finsternis des Waldes folgend.

Durch die Dunkelheit und durch den Schnee wanderte sie, bis sie das bescheide Heim eines alten Mannes erreichte, und vor der Tür fiel sie nieder. Im Schein einer einzelnen Laterne trug er sie hinein und vor den letzten Flammen eines Kaminfeuers setzte er sie nieder, doch es war längst zu spät.

Der Mann versuchte alles, um sie zu wärmen, aber seine Bemühungen waren umsonst.

Am nächsten Morgen starb das Mädchen, während der König in seiner Ignoranz bereits die nächste Feier plante.

Der alte Mann weinte lange neben dem Körper des leblosen Kindes. In tiefster Trauer brachte er sie weit in den Wald hinein, wo er auf einer Lichtung ein Feld besaß. Mit Spitzhacken und Schaufeln brach er den vereisten Boden auf und begrub das Kind sachte, auf dass ihre Augen nie wieder strahlen würden.

Gegen Abend kehrte er zu seiner Hütte zurück und die Erinnerung an ihren Hilfe suchenden Blick, kurz vor ihrem Tod, trieb ihm erneut Tränen in die Augenwinkel.

   Indes ließ der König seinen Boten rufen und befahl ihm ein neues Bankett vorzubereiten, damit wieder alle den Winter vergessen mochten. Der Bote verbeugte sich und ging, um seinen Befehlen zu folgen, doch es waren keine Speisen mehr in den Kammern.

„Dann lasst uns Jagen gehen!“, erwiderte der König, doch das Schlosstor ließ sich nicht öffnen. Der gesamte Palast lag unter einer funkelnden, glitzernden Eisschicht. Keine Außentür und kein Fenster ließen sich mehr öffnen.

    Genau wie der Bote, wollte auch der alte Mann am Morgen aus seiner Hütte treten, und es war auch dort kälter als jemals zuvor. Ihm waren sowohl das Essen als auch das Brennholz ausgegangen, doch fern am Himmel sah er eine Schar Vögel, die über dem Wald kreisten und zwitscherten.

Er folgte ihrem Gesang und kam zum Grab des Mädchens.

Der Schnee auf dem kleinen Hügel war geschmolzen und die Erde war übersäht mit Blumen und grünem Gras. Jeder Samen, den er dort setzte, ging binnen Sekunden auf. Nie wieder musste er hungern, während der König in seinem Prunk zu Grunde ging.

Und wann immer ihn jemand nach seinem Geheimnis fragte, antwortete der alte Mann, er habe das Mädchen mit dem Frühling in den Augen getroffen.

 

Ende